Die Wachstumsfalle: Warum viele Startups gerade dann scheitern, wenn sie wachsen sollen

Der Einstieg großer Investoren ist für viele Startups ein Meilenstein. Endlich Geld, endlich Rückenwind. Jetzt kann man all die Dinge umsetzen, die man sich in der Ressourcenknappheit zuvor nicht leisten konnte: Mehr Personal, neue Märkte, bessere Infrastruktur. Es fühlt sich an wie der Startschuss zum großen Erfolg.

Doch genau hier liegt eine große Gefahr – die Wachstumsfalle. Und sie führt regelmäßig dazu, dass vielversprechende Startups trotz Kapitalzufluss scheitern.

Es gibt zwei große Risiken: überoptimistische Gründer („Was kostet die Welt“) und überfordernde Investoren („Wir haben in ein Wachstumsunternehmen investiert: also wachst!)“

  1. Wachstum auf Druck – nicht aus Reife

Ein großes Problem – nicht nur bei Startups – ist die realistische Einschätzung des Potenzials und des Zeitbedarfs für dessen Realisierung. Etablierte Unternehmen haben dafür Prozesse, Erfahrungswerte, ein gewachsenes Fundament. Startups hingegen starten meist mit einem MVP, einem kleinen Team und viel Enthusiasmus – aber oft noch wenig Substanz für Skalierung.

Nach dem Einstieg von Investoren wird das Wachstum oft zur Priorität Nummer eins. Und zwar schnell. Warum?

  • Investoren erwarten in der Regel hohe Wachstumsraten, um ihren ROI typischerweise innerhalb von 5–7 Jahren zu realisieren.
  • Gründer sind motiviert, ihren Erfolg zu beweisen – nicht zuletzt auch sich selbst und dem Team gegenüber.
  • Der Markt scheint vielversprechend – vor allem nach ersten Erfolgen.

Doch frühe Erfolge sind oft nicht belastbar. Skalierung bringt andere Herausforderungen als der Proof of Concept.

  1. Typische Fehler in der Wachstumsfalle

Hier einige der klassischen Muster, die wir immer wieder sehen:

  • Überschätzung der Wachstumsfähigkeit
  • Anfangswachstum lässt sich oft nicht einfach hochrechnen.
  • Sobald die „Low-Hanging Fruits“ abgeerntet sind, wird jeder weitere Prozentpunkt Wachstum teurer.
  • Viele unterschätzen, wie schwer es ist, in etablierte Märkte vorzudringen.
  • Wachstum vor Struktur
  • Mit jedem Wachstumsschritt steigen Komplexität und Koordinationsaufwand.
  • Es fehlen Prozesse, klare Rollen, skalierbare Systeme.
  • Die Organisation muss sich ständig „neu erfinden“, was Energie kostet, die eigentlich ins operative Geschäft fließen sollte.
  • Zu frühe Skalierung von Teams und Fixkosten
  • Neue Abteilungen werden geschaffen, bevor es einen echten Bedarf gibt.
  • Büros werden vergrößert, Standorte eröffnet, Maschinen angeschafft, obwohl der Produkt-Markt-Fit noch nicht stabil ist.
  • Der Burn Rate steigt rapide – aber der Umsatz hinkt hinterher.
  • Markteintritt ohne Reife
  • Große Kunden (z. B. Handelsketten) stellen hohe Anforderungen an Qualität, Verlässlichkeit, Skalierbarkeit.
  • Wenn diese Anforderungen nicht erfüllt werden, ist der Ruf schnell ruiniert – oft irreversibel.
  1. Warum solide Geschäftsmodelle trotzdem scheitern

Ich habe oft erlebt, wie vielversprechende Startups mit gesundem Geschäftsmodell dem Wachstumsdruck nicht standhielten. Nicht, weil die Idee schlecht war – sondern weil sie zu früh, zu schnell skaliert wurde.

Das anschließende Szenario ist stets das Gleiche:

  • Die Erwartungen werden nicht erfüllt.
  • Investoren verlieren das Vertrauen.
  • Weitere Finanzierung bleibt aus.
  • Das Geld geht aus.
  • Am Ende scheitert ein eigentlich tragfähiges Unternehmen – nicht am Produkt oder dem Geschäftsmodell, sondern an der Taktik.

Fazit: Skalierung ist kein Sprint, sondern ein Stresstest

Wachstum ist gut – aber nur dann, wenn es bewältigbar und nachhaltig ist.
Dafür braucht es:

  • realistische Selbsteinschätzung und Planung
  • klare Meilensteine
  • ein belastbares Fundament
  • und vor allem: die Bereitschaft, auch einmal nicht zu wachsen, wenn die Basis noch nicht steht. Vor allem, wenn der Kapazitätsaufbau Fixkosten schafft – wie z.B. Personal.

Denn gefährlich ist nicht nur zu kleines Denken. Sondern auch überzogene Wachstumsträume.